Vom Buddhismus zu Schopenhauer

Bereits die Reihenfolge in der Überschrift ist ungewöhnlich: Als der Buddhismus in Deutschland Ende des 19. Jhs.  besonders  im Bildungsbürgertum bekannt wurde, war das vor allem Arthur Schopenhauer zu verdanken.  So kamen  z. B. Karl Eugen Neumann, der  berühmte Übersetzer  der Lehrreden des Buddha, und Georg Grimm,  Gründer der Altbuddhistischen Gemeinde und einer der wichtigsten Interpreten des alten Buddhismus, über Schopenhauer zum Buddhismus.

Mein persönlicher Weg hingegen war umgekehrt: Ich hatte  mich viele Jahre  mit dem alten Buddhismus, wie er im Pali-Kanon überliefert ist, ziemlich intensiv beschäftigt.  In diesem Zusammenhang  arbeitete ich viele Jahre im Buddhistischen Haus in Berlin-Frohnau mit und war auch einige Zeit Vorstandsmitglied der Buddhistischen Gesellschaft Berlin. Dabei hielt ich Vorträge z. B. in Volkshochschulen und im Radio, schrieb Artikel in buddhistischen Zeitschriften und Beiträge zu Büchern, um so interessierten Menschen die Lehre des Buddha nahe zu bringen.

Je intensiver ich mich aber mit dieser sehr anspruchsvollen Lehre auseinandersetzte, desto größer wurden die Schwierigkeiten.  So fiel mir auf, dass buddhistische Lehrer bestimmte Kernaussagen des Buddha , die mir widersprüchlich erschienen, nicht erklären konnten. Dazu gehört vor allem die „Anatta-Lehre“, also Aussagen des Buddha darüber, was das „Ich“ sei,  ja ob überhaupt ein „Ich“ existiere.  Wenn es, wie viele dieser Lehrer erklärten, kein „Ich“ gäbe, wie soll dann eine Wiedergeburt möglich sein?  Bei den Meditationen, die im Mittelpunkt der buddhistischen Praxis stehen, stellte sich für mich die Frage:   Wer meditiert da überhaupt?  Die Meditationslehrer gingen solchen Fragen zumeist aus dem Wege und beschränkten sich darauf,  die Bedeutung der Meditation und den mit ihr verbundenen Achtsamkeitsübungen für den Alltag hervorzuheben. 

Ein Schlüsselbegriff, nicht nur im Buddhismus, sondern aller altindischen Lehren, ist „Karma“. Hierunter wird zumeist ein universelles Gesetz von Ursache und Wirkung verstanden. Stark vereinfacht erklärt, bedeutet es, böse Taten  führen zu schlechtem Schicksal bzw. ungünstiger  Widergeburt und gute Taten zu einem entsprechend besserem Schicksal.  Hierbei ist nicht die Tat als solche entscheidend, sondern die Tatabsicht, also der die Tat bewirkende Wille, welcher gut oder böse, genauer: heilsam oder unheilsam sein kann.  Wenn unser Schicksal, ja wenn wir selbst die Folge von Karma sind, ist dann nicht auch unser Wille das Ergebnis von Karma?  Nyanatiloka erklärt dazu  (Buddhistisches Wörterbuch, 2. rev.Aufl., 1976, S.173) :

Falsch ist die Annahme, dass sämtliche geistigen Phänomene und Vorgänge die Wirkungen früherer Taten (Karma) seien. Niemals z. B. sind karmisch heilsame und unheilsame Willenszustände die Wirkung früherer Taten, da sie selber Karma sind.

Mich überzeugt diese Erkärung nicht, denn sie erscheint mir eine etwas willkürliche Feststellung zu sein. 

Ein ähnliches Problem ergibt sich bei einem der wichtigsten und ältesten Teile des alten Buddhismus, nämlich der Lehre von der bedingten Entstehung aller psychischen und physischen Phänomen (paticcasamuppada). Sie erklärt auch den kausalen Zusammenhang zwischen den durch Wiedergeburten verknüpften individuellen Existenzen.  Sie wird oft  als Kreislauf dargestellt: … Ursache -Wirkung-Ursache-Wirkung …   So gesehen, ergibt sich ein endloser Kreislauf  von Wiedergeburten. Wie sollte da eine Erlösung aus diesem Kreislauf möglich sein?

Vor allem durch die oben erwähnten Fragen kam ich zu Schopenhauers Philosophie. In ihr fand ich Antworten, die mir weiter halfen und  immer noch helfen. Das bedeutete keine Abkehr vom Buddhismus, denn Schopenhauer selbst bekannte sich zum Buddhismus und nannte sich und seine Anhänger „Buddhaisten“.  So wurde für  mich die Philosophie Schopenhauers  ebenso wie die von Schopenhauer hochgeschätzten Upanishaden zu einer wichtigen Ergänzung zum Buddhismus und darüber hinaus zu einer unentbehrlichen Hilfe für ein besseres Verständnis altindischer Weiheitslehren.
hb

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