Upanishaden – Perlen altindischer Weisheit

Die altindischen Upanishaden sind die wichtigste Grundlage der Philosophie des Hinduismus, aber auch in den beiden anderen in Indien entstandenen Religionen, im Buddhismus und Jainismus, sind sie von Bedeutung. Die Texte der Upanishaden sind sehr umfangreich, vielseitig in ihren philosophischen Aussagen und oft schwer zu deuten, zumal sie ursprünglich als Geheimlehre nur einem Kreis Auserwählter zugänglich waren. Deshalb ist es nicht einfach, in ihnen die Perlen altindischer Weisheit zu entdecken und sie dann auch zu verstehen.

Inzwischen gibt es zahlreiche kommentierte Übersetzungen der Upanishaden. Hierbei fällt auf, dass auf den Titeln dieser Bücher ziemlich oft das Wort Weisheit verwendet wird. So zum Beispiel lauten einige Buchüberschriften: Die Weisheit der Upanishaden (Kleine Bibliothek der Weltweisheit), Upanishaden – Die alte Weisheit Indiens. Die Weisheit der Upanischaden – Klassiker indischer Spiritualität und ähnliche wohlklingende Bezeichnungen.

Inwieweit der Inhalt dieser Bücher immer das Prädikat Weisheit verdient, sei hier nicht erörtert. Zunächst stellt sich jedoch die Frage, ob Weisheit überhaupt mitteilbar ist.

Arthur Schopenhauer, der große Verehrer der Upanishaden, erklärte dazu:

„Wirklich liegt alle Wahrheit und alle Weisheit zuletzt in der Anschauung. Aber leider läßt diese sich weder festhalten, noch mittheilen: allenfalls lassen sich die objektiven Bedingungen dazu, durch die bildenden Künste, und schon viel mittelbarer durch die Poesie, gereinigt und verdeutlicht den Andern vorlegen; aber sie beruht eben so sehr auf subjektiven Bedingungen, die nicht Jedem und Keinem jederzeit zu Gebote stehen, ja die, in höhern Graden der Vollkommenheit, nur die Begünstigung Weniger sind …

Weisheit und Genie, diese zwei Gipfel … menschlicher Erkenntniß, wurzeln nicht im abstrakten, diskursiven, sondern im anschauenden Vermögen. Die eigentliche Weisheit ist etwas Intuitives, nicht etwas Abstraktes.“ (1)

Ist Weisheit, wie Schopenhauer meinte, „etwas Intuitives“, so ist sie – wie jede Intuition – nicht erzwingbar. Bestenfalls ist es möglich, den Weg zu ihr zu ebnen. In den Upanishaden wird jedoch weniger der Weg als vielmehr das Ergebnis spiritueller Erfahrung mitgeteilt. Somit geht es hierbei um weit mehr als um bloße Techniken. Im Kathaka-Upanishad 2,23 heißt es dazu:

Nicht durch Belehrung wird erlangt der Atman,
Nicht durch Verstand und viele Schriftgelehrtheit :
Nur wen er wählt, von dem wird er begriffen :
Ihm macht der Atman offenbar sein Wesen.
(2)

Atman bedeutet in den Upanishaden die Seele der Lebewesen. Sie ist mit der Weltseele, Brahman genannt, letztlich identisch (3). Wird sie im theistischen Sinne übersetzt, ist damit das „Göttliche“ in allen Wesen gemeint. So verstanden, wird nach dem zitierten Upanishaden-Vers Weisheit nicht zwangsläufig durch Anwendung irgendwelcher Methoden erreicht, vielmehr ist sie eine auf Gnade beruhende Offenbarung.

„Auf Offenbarung wird“ jedoch, wie Schopenhauer meinte, „in der Philosophie nichts gegeben“(4) – eine Aussage, die selbstverständlich auch seiner Philosophie Grenzen setzt.

Wer dennoch über seine Philosophie hinaus möchte, dem empfahl Schopenhauer die Upanishaden, die er in ihrer lateinischen Übersetzung, dort Oupnekhat genannt, kennen und höchst schätzen lernte:

„Wer … zu der Erkenntnis, bis zu welcher allein die Philosophie ihn leiten kann, … Ergänzung wünscht, der findet sie am schönsten und reichlichsten im Oupnekhat.“ (5)

Für Schopenhauer waren die Upanishaden weit mehr als ein beeindruckendes Zeugnis altindischer Weisheit. Sein Biograf, der Schopenhauer noch persönlich näher kannte, berichtete: „Das Oupnekhat lag auf seinem Tisch, und vor dem Schlafengehen verrichtete er darin seine Andacht.“(6) So wird auch verständlich, wenn Arthur Schopenhauer über die Upanishaden fast schon mit religiöser Ergriffenheit schrieb:

Es ist die belohnendeste und erhebendeste Lektüre, die (den Urtext ausgenommen) auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens seyn. (7)

H.B.

Weiteres zu
> Arthur Schopenhauers Philosphie und den > Upanishaden .

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II/1, S. 89 f.
(2) Paul Deussen, Die Geheimlehre des Veda. Ausgewählte Texte der Upanishad´s,
6. Aufl., Leipzig 1921, S. 159.
Weiteres zur Gnadenwahl in den Upanishaden vgl.: Johannes Hertel: Upanischaden. Die alte Weisheit Indiens. Eine Auswahl aus den ältesten Texten. Neuausgabe, München 2005, S. 38.
S. auch Arthur Schopenhauer über Gnade und Gnadenwirkung > hier.
(3) Gemeint ist das Tat Twam Asi, erläutert im > Chandogya-Upanishad.
(4) Arthur Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band V: Ueber den Willen in der Natur, S. 188 (Anm.).
(5) Arthur Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band IV: Die Welt … II/2, S. 716.
(6) Wilhelm Gwinner , Schopenhauers Leben, 3. Aufl., Leipzig 1910, S. 342.
(7) Schopenhauer , a. a. O., Band X: Parerga … II/2, Kap. 16: Einiges zur Sanskritliteratur, S. 437.