Rigveda : Uranfang

Wie entstand unsere Welt, was war am Anfang? Solche und ähnliche Fragen bewegten die Menschen schon vor Jahrtausenden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den Versuch, diese Fragen zu beantworten, finden wir im Rigveda. Der Rigveda ist eine umfangreiche Sammlung altvedischer heiliger Texte  und das älteste Zeugnis der indischen Literatur, ja wahrscheinlich des ganzen indogermanischen Sprachraumes. Der wohl berühmteste Teil im Rigveda ist wohl das Weltschöpfungslied.  Die ersten drei Verse beginnen so:

“ Damals war nicht das Sein, noch das Sein,
Kein Luftraum war, kein Himmel drüber her.  –
Wer hielt in Hut die Welt, wer schloß sie ein?
Wo war der tiefe Abgrund, wo das Meer?

Nicht der Tod war damals, noch Unsterblichkeit,
Nicht war die Nacht, der Tag nicht offenbar. –
Es hauchte windlos in Ursprünglichkeit
Das Eine, außer dem kein andres war.

Von Dunkel war die ganze Welt bedeckt,
Ein Ozean ohne Licht, in Nacht verloren; –
Da ward, was in der Schale war versteckt,
Das Eine durch der Glutpein Kraft geboren.“

(Zit. aus: Helmuth von Glasenapp. Indische Geisteswelt, Band I, Glaube und Weisheit der Hindus, Aus Heiligen Schriften, Der Veda, die ewige Offenbarung.
Gleicher Wortlaut bei: Paul Deussen. Die Geheimlehre des Veda, Ausgewählte Texte der Upanishad´s.)

An obige Verse aus dem Rigveda musste ich denken, als ich kürzlich wieder etwas las über den „Urknall“, der sich laut heutiger Kosmologie vor etlichen Jahrmilliarden ereignet haben soll.  Damit hätte die Existenz unseres Kosmos begonnen. Aus einer in einem Punkt konzentrierten undifferenzierten Energie unvorstellbaren Ausmaßes hätte sich der Kosmos entfaltet. So wäre aus einer ursprünglichen Einheit der Kosmos entstanden, und zwar in einer gewaltigen, von uns nicht überblickbaren Vielfalt.

Das Wort „Glut“ ist im dritten Vers des Weltschöpfungsliedes des Rigveda enthalten. Es kann auch gedeutet werden mit Entfaltung von Energie, durch welche sich dann aus dem EINEN alles Weitere, nämlich das VIELE, entwickelt hat. Dieser Gedanke wird in den späteren vedischen Schriften, den Upanishanden, fortgeführt und dadurch erklärt, wie es zu unserer Welt kam.

„Glut“ hat aber noch eine andere, im Hinduismus höchst wichtige Bedeutung, denn im altindischen Sanskrit heißt dieses Wort „Tapas“.  Die „Tapas“  spielen eine sehr bedeutsame Rolle im Zusammenhang mit asketischen und intensiven spirituellen Übungen, so auch im Raja-Yoga.

Nach der Vorstellung der altindischen Veden wurde durch Tapas die Welt „ausgebrütet“. So heißt es dort:

„Prajapati (der ´Herr der Geschöpfe`) war diese Welt zu Anfang nur allein. Er begehrte: ´Ich will sein, will mich fortpflanzen.` Er mühte sich ab, er übte Tapas. Aus ihm, der sich abmühte und Tapas übte, wurden die drei Welten geschaffen, die Erde, der Luftraum und der Himmel.“
(Shatapatha-Brahmana, übers. v. P. Deussen, zit. nach Lexikon der östlichen Weisheitslehren)  

Anders als der Hinduismus kennt der Buddhismus eine solche Schöpfungslehre nicht. Nach Aussage des Buddha ist ein erster Anfang „nicht erkennbar“. 

Auch die Philosophie Schopenhauers, enthält – trotz aller Wertschätzung, die er den Veden entgegenbrachte – keine Weltschöpfungslehre.  Schopenhauers Philosophie bezieht sich auf das, was ist und nicht auf das, was war oder noch kommen wird.  Das, was ist und sich als Vielfalt in unserer Welt  manifestiert, ist laut Schopenhauer der „Wille“. Insofern halte ich es für sehr aufschlussreich, dass nach dem vedischen Schöpfungsmythos die Vielfalt unserer Welt mit dem „Ich will sein“ begann. Wenn der Anfang der Welt und damit vom  Leid der Ich-Wille war, dann ist es nahe liegend, dass die Welt und mit ihr das Leid durch  Überwindung dieses Ich-Willens endet. Genau das aber ist – jedenfalls nach meinem Verständnis – die Aussage  sowohl altindischer Erlösungslehren als auch der Philosophie Arthur Schopenhauers.
hb

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2 Kommentare

  1. Klaus said,

    August 1, 2009 um 12:22 pm

    Die Schöpfungsgeschichte im Rigveda scheint mir einleuchtender zu sein als die in der Bibel.

    • arthur1788 said,

      August 1, 2009 um 12:56 pm

      Das verstehe ich, denn die Unterschiede zwischen den Schöpfungsgeschichten im Rigveda und in der Bibel sind ja sehr erheblich. So wurden laut Bibel der Mensch und (zu dessen Nutzen) die Tiere von Gott geschaffen und existieren seitdem als seine Geschöpfe, und zwar neben (unter) ihm. Hingegen kommen nach den indischen Lehren der Veden alle Lebewesen aus dem Göttlichen (Emanation) und sind demnach in ihrem Wesenskern göttlich. Im philosophischen Teil der Veden, den Upanishaden, kommt das in der Erkenntnis des „Tat Tvam Asi“ (Sanskrit: „Das bist du“) zum Ausdruck. Dieses bedeutet, „Brahman“, das Absolute, ist mit dem „Atman“, dem einzelnen Individuum, wesensgleich. Arthur Schopenhauer bezog sich darauf oftmals in seinen Werken und sah darin mit Recht eine Bestätigung seiner Philosophie.


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