Schicksal ( Arthur Schopenhauer und indische Weisheit )

Arthur Schopenhauer ist auf das  Thema „Schicksal“ in seinen Werken oftmals eingegangen, so z. B. im Kapitel „Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen“ (Pararga I). Einer seiner Kernaussagen dort lautet:

Daß Alles, ohne Ausnahme, was geschieht, mit  s t r e n g e r  Nothwendigkeit eintritt, ist eine  a priori einzusehende, folglich unumstößliche  Wahrheit…

Wir glauben …, unserer Thaten in jedem Augenblicke Herr zu seyn. Allein, wenn wir auf unsern zurückgelegten Lebensweg zurücksehn und zumal unsere unglücklichen Schritte, nebst ihren Folgen ins Auge fassen; so begreifen wir oft nicht, wie wir haben Dieses thun, oder Jenes unterlassen können; so daß es aussieht, als hätte eine fremde Macht unsere Schritte gelenkt. Deshalb sagt Shakespeare:

“ Fate, show thy force: ourselves we do not owe;
What is decreed must be, and be this so! „

( Jetzt kannst du deine Macht, o Schicksal, zeigen:
 Was seyn soll muß geschehn, und Keiner ist sein eigen.)

 Obige Verse kamen mir in den Sinn, als ich kürzlich folgendes Gedicht aus der Geisteswelt des Hinduismus las:

Von des Totenrichters Hand
An die Stirn geschriebne Zeichen
Kann der höchsten Götter Macht
Nicht mehr von der Stirne streichen.

Machtlos wandelt auch der Kluge,
Wird vom Schicksal er getrieben,
Denn ihm ist sein eignes Denken
Von dem Schicksal vorgeschrieben.

Was das allgewalt´ge Schicksal
Einmal hat bestimmt vorher,
Selbst die dreißig großen Götter
Können es nicht ändern mehr.

Zukunftsbilder mit der Hoffnung Pinsel
Malt der Geist wohl auf des Herzens Wand,
Doch das Schicksal, lächelnd wie ein Knabe,
Löscht sie alle aus mit leichter Hand.

(Aus: Hellmuth von Glasenapp, Indische Geisteswelt, Band I Glaube und Weiheit der Hindus)

Eine ähnliche Auffassung von der Macht des Schicksals hatten die Ajivikas. Sie waren Anhänger einer Religion, die vor mehr als 2500 Jahren in Indien existierte, inzwischen aber erloschen ist. Das Wenige, was von den Ajivikas  heute noch bekannt ist, stammt aus den Schriften ihrer Gegner, den Buddhisten und Jainas.  Oberhaupt der Ajivikas soll der Asket Goshala gewesen sein.  Seine Lehre wurde vom Buddha entschieden abgelehnt:

Goshala lehrt: „Alle Wesen sind ohne freien Willen und erfahren Glück und Leid durch notwendige Schicksalsbestimmung. So wie ein Garnknäuel sich beim Aufwickeln von selbst entwirrt, so können Weise und Toren nicht durch Zucht und Askese das Ende des Leidens bewirken, sondern nur dadurch, daß sie im Kreislauf umherwandern. „…

Gleichwie unter allen Gewändern das härene das schlechteste ist, weil es in der Kälte kalt, in der Hitze heiß, dazu häßlich, übelriechend und unangenehm anzufassen ist, so ist unter allen Lehren diese die schlechteste. Denn sie besagt: „Es gibt keine Tat (karma), kein Tun, keine Willenskraft.“ Ich aber lehre die Tat, das Tun, die Willenskraft.

(Zit. nach Hellmuth von Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung)

Es ist verständlich, dass diejenigen, welche lehren, dass man durch spituelle und asketische Übungen das Schicksal wesentlich beeinflussen kann, die Allmacht des Schicksals bestreiten müssen. Wie ist es aber mit denen – und das sind wohl die weitaus meisten Menschen – , die aus geistiger oder körperlicher Schwäche, derartige  Übungen nicht durchführen können? Was ist mit den Tieren, wie sollen diese sich von ihrem Leid befreien?  Kann da nicht eine Lehre, die davon ausgeht, dass alle Wesen früher oder später vom Kreislauf des Wiedergeburten und damit vom Leid befreit werden, letztlich mehr Trost bieten als viele bloße Übungslehren? Schopenhauers Philosophie wie auch der Mahayana-Buddhismus und die Upanishaden enthalten in ihrem Kern den Gedanken der Erlösung, und zwar auch für die Schwachen dieser Welt.  

Welche Bedeutung das Schicksal  für den Einzelnen hat oder nicht hat, kann der Einzelne letztlich nur für sich beurteilen. Nachdem ich mich seit Jahrzehnten mit „indischen“ Übungslehren und der Philosphie Schopenhauers befasse, bin ich mehr  und mehr zu der Überzeugung gekommen, dass auch in dieser Frage etwas unbedingt notwendig ist, was nicht durch bloßes Bücherstudium oder Vorträge eines „Lehrers“ ersetzt werden kann, nämlich Lebenserfahrung
hb

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6 Kommentare

  1. wahrheitssucher said,

    Juli 30, 2009 um 2:17 pm

    Wenn das Schicksal allmächtig ist, welche Bedeutung hat dann das eigene Bemühen?

    • arthur1788 said,

      Juli 30, 2009 um 3:55 pm

      Ob und wie wir uns bemühen, hängt von den gegebenen Umständen und von unserer Persönlichkeit ab. Auch unsere Persönlichkeit ist unser Schicksal. Selbst wenn es nach Meinung Schopenhauers keine Willensfreiheit gibt, so zeigt uns doch das „eigene“ (?) Bemühen, wer wir sind. Im übrigen muss dieses Bemühen nicht unbedingt für uns selbst Bedeutung haben, d. h. für uns vorteilhaft sein. Es reicht, wenn es für andere eine positive Bedeutung hat, in dem ihnen z. B. durch unsere Tat geholfen wird.

  2. Horst Volkhammer said,

    Juli 3, 2017 um 7:55 pm

    Ich denke auch, das eigene Bemühen erfolgt immer im Rahmen eigener Veranlagungen, die wohl auch hintergründig tiefer liegen und erst eines Anreizes, wie zB. durch die Lehre A. Schopenhauers, bedürfen. Bedauerlich ist nur, daß darüber auch zuweilen fünfzig Jahre vergehen können bis man “nach Hause“ findet.

    • Juli 4, 2017 um 6:38 am

      Wenn wir nur dieses eine Leben haben, dann können fünfzig Jahre zu lang sein. Haben wir jedoch (leider) noch viele Leben vor uns, wovon Schopenhauer und fast alle nichtabrahamitischen Religionen ausgehen, so stehen unserem Bemühen noch viele Möglichkeiten offen.

  3. Horst Volkhammer said,

    Juli 4, 2017 um 3:20 pm

    Von Marx, Engels und Lenin versorgt, durch die Kirche bereitwillig übernommen, aber wie ich heute weiß, von Schopenhauer bewußt ferngehalten, hätte ich mein Leben völlig anders gestalten können, weil ich mich in seiner Lehre sehr oft wieder finde. Viele Geschehnisse wären sehr wahrscheinlich anders verlaufen, wenn ich gewußt hätte, das ich nicht anders reagieren konnte und wenn es nur vom Verständnis her hätte begriffen werden können. Die Kirche hat abgefedert und man befand sich in vertraulicher Gemeinschaft, die aber mit den jungen Jahren dahin ging, übrig blieb das eingeimpfte Geselligkeitsverständnis, was man zu leben hatte, obwohl es mich nicht in eine Gesellschaft zog. Vergleichbar für mich mit der Homosexuellen-Problematik! Da trauere ich schon Einigem nach.
    Wenn mein Wille noch einmal anzutreten hat, so doch wohl nicht mit dem recht kärglichen geistigen Material und vor allem nicht mit dem Bewußtsein es schon mal, ebenso vergebens, getan zu haben. Insofern würde ich ja gern daran schmieden, denke aber bis zum wirklichen Loslassen ist’s nicht mehr zu schaffen.

    • Juli 6, 2017 um 6:30 am

      Was heißt, wenn ich das hier fragen darf, „Von Schopenhauer bewußt ferngehalten“?


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