Buddhismus : Heilslehre für Gesunde ?

Der Buddha verglich seine Lehre mit einer „edlen Arznei, die alles Leid und  alles Böse“ hinaustreibt.  Was sind jedoch die Voraussetzungen, um diese „Arznei“ anwenden zu können? Dazu heißt es im Anguttara-Nikaya des buddhistischen Pali-Kanons (zit. nach Helmuth von Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung):

“ Nur für den Bescheidenen eignet sich diese Lehre, nicht für den Unbescheidenen, der seine Vorzüge zeigen will.

Nur  für den Genügsamen eignet sich diese Lehre, nicht für den Ungenügsamen (der mit Almosen usw. nicht zufrieden ist).

Nur für den Einsamen eignet sich diese Lehre, nicht für den, der an der Geselligkeit seine Freude hat.

Nur für den Willensstarken eignet sich diese Lehre, nicht für den Schwachen.

Nur für den geistig Wachen eignet sich diese Lhre, nicht für den unbedacht Dahinlebenden.

Nur für den, der sich (in der Meditation) zu vertiefen weiß, eignet sich diese Lehre, nicht für den, der sich nicht sammeln kann.

Nur für den Weisen eignet sich diese Lehre, nicht für den Toren, der über das Entstehen und Vergehen aller Erscheinungen nicht nachdenkt.

Nur für den, der die Welt überwinden will, eignet sich diese Lehre, nicht für den, der sich dem Weltlichen hingibt.“   

Ich frage mich nun: Wer erfüllt alle diese genannten Bedingungen? Muß nicht der, welcher die „die edle Arznei“ nimmt,  schon fast gesund sein – also: ist nicht der Buddhismus eine Heilslehre für Gesunde?  Jedenfalls habe ich nach meinen Erfahrungen in buddhistischen Kreisen den Eindruck, dass nur wenige von denen, die sich dort „Buddhisten“ nennen, den obigen Anforderungen genügen, also demnach für die Lehre des Buddha geeignet sind. Ist es der Dalai Lama, wenn er in der Welt herumreist, einen Vortrag nach dem anderen hält und als politischer Vertreter Tibets von einer Konferenz zu anderen eilt? Es sind wohl eher die Stillen und Zurückgezogenen, die nicht als buddhistische „Lehrer“  im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen und auch in buddhistischen Kreisen mehr oder weniger  unbekannt sind, von denen man annehmen darf, dass sie dem Geist der buddhistischen Lehre nahe stehen.

Wenn wenn man wirklich die obigen Maßstäbe anlegen würde, so gäbe es wohl nur sehr wenige Buddhisten und der Buddhismus wäre keine Weltreligion. Der Buddha war jedoch Realist und schätzte die Fähigkeiten der Menschen zutreffend ein.  Seine Heilslehre musste, damit sie überhaupt für die Menschen annehmbar wird, Zwischenstufen enthalten.  Wie das folgende Gleichnis (ebenfalls aus dem Aguttara-Nikaya) zeigt, ist das der Fall:

“ Das große Meer senkt sich stufenweise, fällt aber nicht plötzlich steil ab. So gibt es auch in dieser Lehre … eine stufenweise Belehrung, eine stufenweise praktische Anwendung, ein stufenweises Vorwärtsschreiten, und nicht ein plötzliches Gewinnen der Erkenntnis.“  

Obwohl sich Arthur Schopenhauer zum Buddhismus bekannte, weicht seine Philosophie  in diesem Punkt erheblich von der buddhistischen Lehre ab. Nach Schopenhauer kann es einen plötzlichen Durchbruch der Erkenntnis geben. Da dieser Durchbruch nicht Folge von Übungen ist, sondern sich gleichsam wie eine Gnade ergibt, ist  – wie Schopenhauer in seiner Philosophie begründet – die Erlösung vom Leid auch für die Schwachen möglich.  Vielleicht ist das Grund, weshalb Jüngere sich mehr dem Buddhismus zuwenden, Ältere und Kranke hingegen, denen Übungen kaum möglich sind, wohl eher bei Schopenhauer Trost finden können.
hb

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Schicksal ( Arthur Schopenhauer und indische Weisheit )

Arthur Schopenhauer ist auf das  Thema „Schicksal“ in seinen Werken oftmals eingegangen, so z. B. im Kapitel „Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des Einzelnen“ (Pararga I). Einer seiner Kernaussagen dort lautet:

Daß Alles, ohne Ausnahme, was geschieht, mit  s t r e n g e r  Nothwendigkeit eintritt, ist eine  a priori einzusehende, folglich unumstößliche  Wahrheit…

Wir glauben …, unserer Thaten in jedem Augenblicke Herr zu seyn. Allein, wenn wir auf unsern zurückgelegten Lebensweg zurücksehn und zumal unsere unglücklichen Schritte, nebst ihren Folgen ins Auge fassen; so begreifen wir oft nicht, wie wir haben Dieses thun, oder Jenes unterlassen können; so daß es aussieht, als hätte eine fremde Macht unsere Schritte gelenkt. Deshalb sagt Shakespeare:

“ Fate, show thy force: ourselves we do not owe;
What is decreed must be, and be this so! „

( Jetzt kannst du deine Macht, o Schicksal, zeigen:
 Was seyn soll muß geschehn, und Keiner ist sein eigen.)

 Obige Verse kamen mir in den Sinn, als ich kürzlich folgendes Gedicht aus der Geisteswelt des Hinduismus las:

Von des Totenrichters Hand
An die Stirn geschriebne Zeichen
Kann der höchsten Götter Macht
Nicht mehr von der Stirne streichen.

Machtlos wandelt auch der Kluge,
Wird vom Schicksal er getrieben,
Denn ihm ist sein eignes Denken
Von dem Schicksal vorgeschrieben.

Was das allgewalt´ge Schicksal
Einmal hat bestimmt vorher,
Selbst die dreißig großen Götter
Können es nicht ändern mehr.

Zukunftsbilder mit der Hoffnung Pinsel
Malt der Geist wohl auf des Herzens Wand,
Doch das Schicksal, lächelnd wie ein Knabe,
Löscht sie alle aus mit leichter Hand.

(Aus: Hellmuth von Glasenapp, Indische Geisteswelt, Band I Glaube und Weiheit der Hindus)

Eine ähnliche Auffassung von der Macht des Schicksals hatten die Ajivikas. Sie waren Anhänger einer Religion, die vor mehr als 2500 Jahren in Indien existierte, inzwischen aber erloschen ist. Das Wenige, was von den Ajivikas  heute noch bekannt ist, stammt aus den Schriften ihrer Gegner, den Buddhisten und Jainas.  Oberhaupt der Ajivikas soll der Asket Goshala gewesen sein.  Seine Lehre wurde vom Buddha entschieden abgelehnt:

Goshala lehrt: „Alle Wesen sind ohne freien Willen und erfahren Glück und Leid durch notwendige Schicksalsbestimmung. So wie ein Garnknäuel sich beim Aufwickeln von selbst entwirrt, so können Weise und Toren nicht durch Zucht und Askese das Ende des Leidens bewirken, sondern nur dadurch, daß sie im Kreislauf umherwandern. „…

Gleichwie unter allen Gewändern das härene das schlechteste ist, weil es in der Kälte kalt, in der Hitze heiß, dazu häßlich, übelriechend und unangenehm anzufassen ist, so ist unter allen Lehren diese die schlechteste. Denn sie besagt: „Es gibt keine Tat (karma), kein Tun, keine Willenskraft.“ Ich aber lehre die Tat, das Tun, die Willenskraft.

(Zit. nach Hellmuth von Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung)

Es ist verständlich, dass diejenigen, welche lehren, dass man durch spituelle und asketische Übungen das Schicksal wesentlich beeinflussen kann, die Allmacht des Schicksals bestreiten müssen. Wie ist es aber mit denen – und das sind wohl die weitaus meisten Menschen – , die aus geistiger oder körperlicher Schwäche, derartige  Übungen nicht durchführen können? Was ist mit den Tieren, wie sollen diese sich von ihrem Leid befreien?  Kann da nicht eine Lehre, die davon ausgeht, dass alle Wesen früher oder später vom Kreislauf des Wiedergeburten und damit vom Leid befreit werden, letztlich mehr Trost bieten als viele bloße Übungslehren? Schopenhauers Philosophie wie auch der Mahayana-Buddhismus und die Upanishaden enthalten in ihrem Kern den Gedanken der Erlösung, und zwar auch für die Schwachen dieser Welt.  

Welche Bedeutung das Schicksal  für den Einzelnen hat oder nicht hat, kann der Einzelne letztlich nur für sich beurteilen. Nachdem ich mich seit Jahrzehnten mit „indischen“ Übungslehren und der Philosphie Schopenhauers befasse, bin ich mehr  und mehr zu der Überzeugung gekommen, dass auch in dieser Frage etwas unbedingt notwendig ist, was nicht durch bloßes Bücherstudium oder Vorträge eines „Lehrers“ ersetzt werden kann, nämlich Lebenserfahrung
hb

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Atheismus bei Arthur Schopenhauer und den Religionen Indiens

Arthur Schopenhauer war Atheist. Das bedeutet aber nicht unbedingt Irreligiosiät, denn es gibt auch Religionen ohne  Gott.  Beispiele hierfür sind die beiden altindischen Religionen Buddhismus und der ihm verwandte Jainismus.  Diese Religionen kennen zwar Götter, aber nicht „Gott“ im Sinne der großen westlichen monotheistischen Religionen (Christentum, Islam, Judentum).

Schopenhauer bekannte sich zum Buddhismus. Zugleich stand ihm eine sehr bedeutsame Richtung des Hinduismus, der Vedanta, nahe. Vedanta  heißt wörtlich das Ende der Veden. Die wichtigsten heiligen Schriften hierzu sind die Upanishaden. Sie waren für Schopenhauer das  Trostbuch und gleichsam seine „Bibel“.  Die von Schopenhauer so hoch geschätzten Upanishaden sind eine Sammlung  philosophisch-religiöser Texte aus einem Zeitraum von mehr als 2500 Jahren.  Sie enthalten, je nach ihrer Entstehungszeit, atheistische und theistische, poly- und monotheistische Auffassungen.

Wo in den Upanishaden Brahman als das ewige, unvergängliche, unpersönliche Absolute, die höchste,  nicht-duale Wirklichkeit verstanden wird, fand Schopenhauer seine Lehre bestätigt. Dieser Teil der Upanishaden ist in seinem Kern wie die Philosophie Schopenhauers atheistisch.  Wie der Buddhismus und Jainismus haben diese atheistischen Lehren nicht das – im Grunde unlösbare – Problem der monotheistischen Religionen, die Existenz eines allmächtigen und allgütigen Gottes mit der unbestreitbaren Tatsache des furchtbaren Leides in unserer Welt in Einklang zu bringen.

Bei den im Westen vorherrschenden monotheistischen Religionen steht die Auffassung im Mittelpunkt, dass es nur einen Gott gäbe, wobei zwischen ihm und den Menschen ein persönliches Verhältnis bestünde. Unter der Herrschaft dieser Religionen wird der Atheismus entschieden abgelehnt und dementsprechend nicht oder nur notgedrungen toleriert. Wie Schopenhauer darauf hinwies, wurde der Atheismus mit dem Materialismus gleichgesetzt, ja mitunter sogar behauptet, es würde ihm alle Moralität fehlen. Das ist mehr oder weniger zweckgerichtete Verleumdung, denn die Philosophie Schopenhauers  beweist – ebenso wie der Buddhismus und Jainismus – das Gegenteil. So ist die Ethik in diesen atheistischen Lehren weit umfassender als in den großen monotheistischen Religionen, weil sie nicht anthropozentrisch ist und auch das nichtmenschliche Leben, insbesondere der Tiere, mit einbezieht. 

Gerade weil Schopenhauers Philosophie, der Buddhismus und der Jainismus atheistische Lehren sind, behaupten sie nicht, dass Gott dem Menschen als „Krone der Schöpfung“ besondere Rechte eingeräumt hätte. Ihr Atheismus lehrt und begründet, dass der Mensch Teil der Natur ist und als solcher alle Lebensformen achten und schützen sollte.  Auch daran zeigt sich, dass die Philosophie Schopenhauers und die genannten indischen atheistischen Religionen durchaus von Wert für ein ethisch fundiertes Miteinander in unserer zerstrittenen Welt sind.
hb

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Arthur Schopenhauer / Philosophie und Religionen Indiens